Das rollende Lazarett

Der Text ist sehr schwer zu verdauen!

Dass die Reporterin und der Fotograf der ZEIT dieses Mal mitreisen können, ist an Bedingungen geknüpft. Keine Nachnamen von Ärzten, Pflegern und Patienten dürfen genannt werden, keine Orte, keine Abfahrts- und Ankunftszeiten und nichts, was Aufschluss darüber gibt, wie viele Verwundete der Zug transportieren kann. Die Angst vor Saboteuren und Luftangriffen ist groß. Einige der Pfleger und Ärzte an Bord erzählen nicht einmal ihren Familien, was sie machen.

Sie wissen, was sie erwartet, wenn der Zug hält: Männer ohne Beine, Männer ohne Arme, Männer ohne Augen, Männer mit verbrannten Gesichtern, mit verätzten Lungen. Verwundete Soldaten, manche kaum ansprechbar. Andere reden und reden, weil sie selbst nicht ganz verstanden haben, wieso sie noch leben.

Ihor ist ein kräftiger Mann. Seine Körpermasse braucht er, um Patienten zu beruhigen, die ausrasten.

„Vor einigen Tagen war hier ein Mann ohne Arme und Beine und ohne Augen, der plötzlich seinen Körper hin- und herwarf, weil er uns angreifen wollte“, erzählt Ihor. Es habe lange gedauert, ihn zu beruhigen.

Nichts kennzeichnet die Waggons als Krankentransport. Ärzte und Pfleger tragen Trainingshosen und Crocs, damit für Außenstehende nicht erkennbar ist, dass sie zur Armee gehören und Mediziner sind. Auch die werden inzwischen von der russischen Armee gezielt angegriffen.

Dort, wo vor vier Tagen sein rechtes Auge war, klebt ein dicker Verband. Auch sein Bein ist verbunden. Er erzählt hastig, wie getrieben. Mit einem Buggy sei er, ein Militärsanitäter, nahe an die Frontlinie herangefahren, um verletzte Kameraden zu evakuieren. Der Pilot einer russischen Glasfaserdrohne habe ihn entdeckt und die Drohne mit dem Sprengsatz auf ihn stürzen lassen, bevor er die Verletzten erreichen konnte.

„Wieso sollte ich heulen wie ein Baby? Meiner Freundin habe ich gesagt, dass ich nur noch ein Auge habe und dass ich verstehe, wenn sie mich verlässt. Sie hat gesagt, dass wir das zusammen durchstehen. Jetzt bin ich der glücklichste Mann der Welt.“

Die russische Armee setze an der Front Gas ein, um die ukrainischen Soldaten aus den Schützengräben zu vertreiben und dann mit Drohnen zu töten, berichten Augenzeugen. In einem Bericht aus diesem Sommer beschreiben der deutsche und der niederländische Geheimdienst den Einsatz chemischer Kampfstoffe durch Russland als „systematisch“ und „zunehmend“. Und sie nennen das Gas Chlorpikrin, das die Lungen verätzt. Erstmals eingesetzt wurde es im Ersten Weltkrieg.

Ein Pfleger schiebt einem Soldaten, der an der Wirbelsäule verletzt ist und so ruhig wie möglich liegen muss, einen vollen Esslöffel in den Mund. „Ich schäme mich dafür, dass mich jemand füttern muss“, sagt der Patient, ein junger Mann. „Entspann dich, alles ist gut“, sagt der Pfleger. Er führt den Löffel mit zackigen Bewegungen, als wolle er vermeiden, dass das Füttern zu zärtlich wirkt.

„Ich saß in einem Schützengraben nah an den russischen Positionen. Sie haben irgendein Gas abgeworfen. Wir konnten nicht mehr atmen und mussten raus. Dann attackierten sie uns mit Drohnen und Granaten.“

Der gesamte Bericht:

https://www.zeit.de/2025/38/sanitaetszuege-ukraine-front-krieg-aerzte-verwundete

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