Doch Dünger, oder besser gesagt fehlender Dünger, könnte für Bauern in aller Welt nun zum Verhängnis werden. Denn während seit Beginn des Irankriegs alle Welt von Ölknappheit spricht, ist kaum bekannt, dass die Düngermärkte ebenfalls in Schieflage geraten. Der Nahe Osten ist einer der weltgrößten Produzenten chemischer Düngemittel. Etwa ein Drittel des global gehandelten Düngers und fast die Hälfte aller Schwefelexporte passieren für gewöhnlich die Straße von Hormus.
Mineralischer Dünger, der für die Erträge auf den Feldern in aller Welt essenziell ist, wird gerade jetzt dringend gebraucht. „Für Landwirte kommt der Krieg zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt“, sagt Chris Vlachopoulos, Analyst für Düngemittel beim Preisdienst ICIS. In vielen Regionen der Nordhalbkugel hat die Ackersaison begonnen, Pflanzen sprießen, und genau jetzt brauchen sie Dünger, damit sie genug Ertrag abwerfen. Landwirte müssen nun entweder deutlich mehr für Dünger zahlen, darauf verzichten oder sogar etwas anderes anbauen.
Seit Beginn des Kriegs ist der Preis für Flüssiggas aus Qatar um 90 Prozent gestiegen. Damit dürften die Herstellungskosten für Dünger heftig in die Höhe schießen. Der indische Gasimporteur Petronet kaufte vor dem Krieg gewöhnlich LNG und verschiffte es über die Straße von Hormus zu indischen Terminals, von wo aus es zu den Düngerherstellern gelangte. Diese wandelten den Wasserstoff aus dem Gas mithilfe von Stickstoff unter hohem Druck und bei großer Hitze zu Ammoniak um, der Grundlage für den Harnstoff.
Für Deutschland und Europa sei die Lage weniger dramatisch als für importabhängige Schwellenländer, sagt der Ökonom, doch durchaus ernst zu nehmen. Europa importiert nur sehr geringe Mengen Dünger direkt aus der Golfregion. Da Düngemittel aber auf dem Weltmarkt gehandelt werden und Europa Nettoimporteur von Stickstoffdüngern ist, treffen Preissprünge die Bauern auch hier. Laut Raiffeisenverband können die Düngemittelkosten bis zu ein Fünftel der Gesamtbetriebskosten für deutsche Landwirte ausmachen. Noch dazu steht die eigene Düngerproduktion in Europa unter Druck. Die heimische Düngemittelindustrie hat nach der Energiekrise 2022 ihre Produktion deutlich heruntergefahren.
Wenn Landwirte die Düngung reduzierten oder auf weniger stickstoffintensive Kulturen umstellten, könnten die Erträge zurückgehen und die Lebensmittelpreise im Spätsommer und Herbst anziehen, sagt er. Preissteigerungen bei Lebensmitteln in Deutschland und Europa hält er für wahrscheinlich, die Frage seien aber Ausmaß und Zeithorizont.
Eine Krise wie diese lenkt den Blick auch auf die Schattenseiten des Düngers. Mineraldünger gilt als Schlüssel zu hohen Erträgen, und das Haber-Bosch-Verfahren, auf dem seine Herstellung beruht, wird mitunter als wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Unstrittig ist, dass die moderne Landwirtschaft ohne Düngemittel längst nicht so produktiv wäre.
Der gesamte Bericht ist zahlungspflichtig.
Hinterlasse einen Kommentar