Wenn Monteure die Grubenabdeckung umlegen, die Stufen aus dem Weg räumen und in den schwarzen Staub der vergangenen Jahre hinabsteigen, liegen die Eingeweide einer Rolltreppe vor ihnen. Der Motor, der viele Tonnen Menschenmasse zu bewegen vermag.
Das Herz des Getriebes ist rund und etwa so groß wie eine Pizza. In seiner Mitte steckt ein Sonnenrad, um das Planetenräder kreisen wie um einen Stern. So überträgt es die Kraft des Elektromotors auf die Hauptwelle, die die Stufen aufwärtsbewegt, einen halben Meter pro Sekunde. Das Planetengetriebe ist eine platzsparende Konstruktion, Fachleute schwärmen, doch das Planetengetriebe hat ein Problem: Wenn ein Zahn bricht, zerstören die Splitter im Bruchteil einer Sekunde die anderen Zahnräder. Ein Totalschaden für das ganze Getriebe.
Die Bahn teilt mit, man habe mit Rolltreppenhersteller Kone eine Taskforce eingerichtet. Kone wiederum teilt mit, dass man der Bahn das eigene Fachwissen zur Verfügung stelle und dass wegen der Bauweise des Bahnhofes „eingehendere Inspektionen“ nötig seien. Konkreter wird es nicht.
Die Treppen, die am Berliner Hauptbahnhof stehen, wurden in Hattingen an der Ruhr in Jahr 2004 hergestellt. Deutschland war mal ein traditionsreicher Rolltreppen-Produzent. In Hattingen stellte die Firma Orenstein & Koppel über Jahrzehnte Rolltreppen her, für die ganze Welt. Irgendwann geriet die Firma in Schwierigkeiten, in den Neunzigern wurde die Rolltreppensparte vom finnischen Giganten Kone übernommen. Kone baute eine große Fabrik in der Nähe von Shanghai und schickte deutsche Arbeiter und Ingenieure hin, um ihre chinesischen Kollegen anzulernen.
Viele Getriebe sind Einzelstücke. Oft werden sie auf Bestellung angefertigt. Und viele Teile, aus denen sie bestehen, werden von den Herstellern so modifiziert, dass sie nicht in andere Getriebe passen.
Ein Getriebe zu lagern, ist nicht so einfach. Es muss bewegt werden, damit das Öl darin nicht verharzt. Und es geht nur vielleicht alle 20 Jahre mal kaputt.
Ein Sprecher des Fahrgastverbands ProBahn sagte dem Tagesspiegel, dass die Bahn in den vergangenen Jahrzehnten dezentrale Ersatzteillager in Deutschland weggespart habe. Und ein Ex-Mitarbeiter von Kone, der anonym bleiben möchte, schreibt der ZEIT, dass die Bahn sich jahrelang darauf verlassen habe, dass Kone schon alle Ersatzteile vorrätig habe. Aber auch Kone seien Lagerkosten nicht egal, und so habe man vor einer Weile ein Lager in Berlin aufgelöst.
… was bedeutet, dass die lange Lieferkette des Rolltreppengeschäfts hier in Kunshan (China) nicht endet – womöglich werden die Teile, die in Berlin gebraucht werden, ganz woanders gefertigt und hier nur endmontiert.
Einzelteile hätten sie hier in Kunshan auf Lager, ganze Planetengetriebe aber nicht. Wie lang es bräuchte, um die zu bauen? Der Mann denkt nach, wiegt kalkulierend den Kopf. „Vielleicht einen Monat.“
Mit dem Ingenieur, mit dem man zum Teil hier gesprochen hat, hat Deutsch gesprochen. Er hat in Deutschland studiert.
Wenn man nicht vom Fach ist, hat man keine Ahnung, wie komplex eine Rolltreppe ist bzw. sein kann.
Der ganze Bericht ist zahlungspflichtig https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-03/rolltreppen-berliner-hauptbahnhof-kone-hersteller-lieferketten/komplettansicht
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